
Ein entspannter Urlaub ist für mich, wenn ich „Schöne Literatur“ lesen oder hören kann und das ist in diesem Sommer gut gelungen. Sehr empfehlen kann ich „Die Botanik des Wahnsinns“ von Leon Engler. Der Debütroman ist eine Mischung aus Familiengeschichte, Psychiatrieroman und transgenerationalen Zusammenhängen. Der Wahnsinn umfasst alle möglichen Störungsbilder, vor allem Sucht und PTBS und der Furcht, ebenso verrückt zu werden wie eigentlich sämtliche Vorfahren. Dabei erzählt Engler leicht, humorvoll und forschend. Mir war nicht immer ganz klar, ob jetzt über die Mutter, die Groß- oder Urgroßmutter geschrieben wird und an dieser Stelle hätten mir die Vornamen geholfen, mich zu orientieren. Richtig gute Sätze darin sind bspw.: „Kenne den langen Verlauf deiner eigenen Geschichte…[…] Kenne die inneren Abläufe deiner eigenen Psyche…bevor du es wagst, von anderen Geschichten zu verlangen.“ Margaret Morgan Lawrence. Oder: „Für die Diagnose einer Abhängigkeit zählen vor allem die Symptome. Ich spüre eher den Schmerz, die Wut und die Scham.“ Oder: „Es gibt keine Erlösung, keine Vergebung, nur die Akzeptanz dessen, was ist. Ich muss mich geschlagen geben. Es ist nicht mein Kampf, den ich verliere, aber ich verliere ihn dennoch, ich verliere meine Eltern. Endlich gebe ich die Hoffnung auf.“ Toll!
Paul Auster war lange Jahre mein Lieblingsautor, vor allem in meinen Zwanzigern. Dieses hier ist sein letzter Roman über Abschied, Tod und einem schwierigen Neuanfang. Was bleibt? Vom Menschen, von seinem Werk, von seinen Gedanken? Ich habe mich bei der Lektüre häufiger gefragt, ob „Baumgartner“ ein Abschiedsgeschenk für Siri Hustvedt (seine langjährige Frau und ebenfalls großartige Schriftstellerin) ist, weil Auster bei dem Schreiben schon wusste, dass er nicht wieder gesund werden würde. Es gibt sehr berührende Stellen darin, vor allem wenn die rohe Trauer aufblitzt zwischen den intellektualisierten Gedanken des einsamen Professors. Eine Schlüsselstelle ist die, in der die tote Anna ihn anruft. „Sie kann sich keiner Sache sicher sein, sagt sie, vermutet aber, dass er es ist, der sie durch dieses unbegreifliche Nachleben trägt, diesen paradoxen Zustand sich selbst bewusster Nichtexistenz, der, das spürt sie, irgendwann einmal enden muss und enden wird, aber solange er lebt und an sie denken kann, wird ihr Bewusstsein weiterhin von seinen Gedanken geweckt und wieder geweckt werden, derart, dass sie gelegentlich in seinen Kopf schlüpfen und diese Gedanken hören kann und sehen, was er mit seinen Augen sieht. Sie hat keine Ahnung, wie das funktioniert, und versteht auch nicht, warum sie jetzt mit ihm reden kann, sie weiß nur das eine, dass nämlich die Lebenden und die Toten miteinander verbunden sind, und wenn man so tief verbunden war, wie sie beide es waren, als sie noch lebte, kann dies sich auch im Tode fortsetzen, denn wenn einer vor dem anderen stirbt, kann der Lebende den Toten in einer Art Schwebezustand zwischen Leben und Nichtleben halten, doch wenn auch der Lebende stirbt, ist es aus damit, und das Bewusstsein des Toten ist auf ewig ausgelöscht.“
Anna Brynhildsens Roman „Die glücklichste Familie der Welt“ hat mich nicht abgeholt. Der Klappentext verleitete mich zum Kauf, weil ich transgenerationale Traumata und die Aufarbeitung der Nachfolgegenerationen so spannend finde. Es ist alles drin, was es zum Eintauchen in die jüdische Familiengeschichte und der Aufarbeitung braucht, aber weder Sara noch Evi noch Mats und leider auch nicht die Großmutter haben mich erreicht und vielleicht war dies auch nicht intendiert. Mir kommt es so vor, dass die Autorin möglichst jeden Kitsch und jede Gefühlsduselei vermeiden wollte, aber ich möchte eintauchen und mitfühlen statt einen distanzierten Überflug zu erleben. Vielleicht haben andere Leser:innen ganz andere Erfahrungen damit, aber ich war froh, als ich es zu Ende gelesen hatte.
Nachdem ich im letzten Jahr „Für Polina“ verschlungen hatte, war ich nun neugierig auf Takis Würgers Debütroman „Der Club“. Es hat mich sehr beschäftigt. Ich fand es spannend, berührend und gut lesbar, aber es blieb stets ein diffuses Gefühl übrig, was mich irritiert hat. Die Geschichte handelt von einem jungen Deutschen, der früh verwaist in einem Internat aufwächst, weil seine Tante, die als Professorin in Cambridge lehrt und forscht, sich nicht in der Lage fühlt, ihn zu sich zu holen. Das gibt die Beziehung auch nicht her. Sie hat aber einen Auftrag für ihn, als er erwachsen wird und verschafft ihm einen Studienplatz an ihrer Universität. Und sie fädelt seine Mitgliedschaft in einem exklusiven Club ein, wo er herausfinden soll, wer hier für Gewalt an Frauen (Vergewaltigungsexzesse unter Drogeneinfluss) verantwortlich ist. Ich habe länger überlegt, was mich so irritiert und ich bewerte gleichzeitig meine eigenen Gedanken dazu als unstimmig: Die Sicht eines männlichen Autors und männlicher Protagonisten auf sexuelle Gewalt an Frauen einzunehmen, ist wichtig und richtig. Aber mir fehlt dennoch der emotionale Zugang zu dem Leid der Frauen. Es bleibt flach oder spüre ich hier die Gefühlstaubheit? Sie senden Hans aus, um als Maulwurf und als Rächer zu fungieren und damit geben sie ihm wiederum so viel Macht und bleiben dabei selber passiv und in Opferposition. Auch Jahrzehnte später noch. Da musste erst der junge Mann kommen und sich im Boxring schlagen, um im männerdominierten Club anerkannt zu werden, sich gemein machen mit den arroganten, überreichen und sexistischen Mitgliedern. Ich bin nun gespannt auf Würgers weiteren Werke :-).
„Nemesis´ Töchter“ von Tara-Louise Wittwer passt natürlich gut zu den Gedanken zum vorherigen Buch. Was ist das eigentlich für ein Genre? Für ein Pamphlet enthält es zu viele wissenschaftliche Belege, aber es dennoch eine Streitschrift. Es ist ein leidenschaftliches Werk über „female rage“, die mehr ist als weibliche Wut. Manchmal liest es sich wie eine Hausarbeit, manchmal wie ein Tagebuch. Wittwer ist Kulturwissenschaftlerin und sehr bekannt in den sozialen Medien (ich habe an anderer Stelle schon mal über sie und Louisa Dellert geschrieben). Es ist ein wichtiges Buch über den Feminismus, das wir unseren Töchtern und unseren Söhnen auf den Nachtisch legen sollten. Und es enthält die wichtige Botschaft, dass wir Frauen uns solidarisieren müssen, statt den patriarchalen Strukturen weiterhin zuzuarbeiten, damit wir uns endlich der Gleichberechtigung nähern, die es noch in keinem Land auf der Welt gibt. Im Anschluss werde ich „Die Wut, die bleibt“ lesen, übrigens eine Empfehlung meiner Tochter.
Zuletzt muss ich unbedingt noch berichten, dass mir nach 15 Jahren noch mal Siri Hustvedts „Sommer ohne Männer“ begegnet ist, dieses Mal als Hörbuch mit der wunderbaren Stimme Eva Mattes. Nun bin ich in dem Alter der Protagonistin Mia, die nach der ungewollten Trennung von ihrem langjährigen Partner in eine tiefe Krise fällt und sich dann eine Auszeit nimmt und zu ihrer alten Mutter zieht. Nicht in die Seniorenresidenz, sondern in ein Nachbarhaus. Dort erlebt sie den Sommer ohne Männer. Sie begegnet den alten Frauen, den Mädchen ihres Lyrikkurses und ihrer Nachbarin auf eine neue Weise. Sie schaut dabei nach hinten, setzt ihre eigenen Mobbingerfahrungen in Bezug zu den Ereignissen in ihrem Kurs, nach vorne zu den alten Frauen und ihren Geschichten und reflektiert ihre Sexualität in erotischen Geschichten und in den versteckten Gobelin-Meisterwerken der alten Mitbewohnerin ihrer Mutter. Dazu gibt es eine geheimnisvolle Konversation mit dem zunächst abwertenden Mr. Niemand, die sich aber wandelt und als Reflexionsfläche dient. Damals fand ich den Roman schon toll, aber anders als Hustvedts anderen Werke, leicht und sommerlektürengeeignet. Jetzt sehe ich aber viel mehr Vielschichtigkeit und fühle mich verbunden. Vielleicht liegt es auch am Hören, vielleicht am Alter. Empfehlenswert für Frauen ab 50 🙂
